GANT REPORTAGE

18 MEILEN AN BÜCHERN (UND ES WERDEN IMMER MEHR)


  • Seit der Jahrtausendwende wird viel über den Niedergang des Buches gesprochen. Überraschenderweise ist die Zahl der unabhängigen Buchhandlungen in den USA in den letzten zehn Jahren gestiegen und heute gibt es im ganzen Land über 2.400 davon. In New York besuchen wir einen altbekannten Favoriten. 

    Der Strand Bookstore findet sich in einer ruhigen Ecke am Broadway, abseits des Trubels des benachbarten Union Squares. Er wurde 1927 vom litauischen Buchliebhaber Benjamin Bass gegründet und dient seither als Paradies für diejenigen, die sich gerne für einen Nachmittag in die Welt der Bücher zurückziehen. Am Gehsteig vor dem Geschäft werden alte Taschenbücher für einen Dollar verkauft. Im Inneren befindet sich ein Raum voller seltener Bücher, der für Hochzeiten und Partys gemietet werden kann. Auf den Regalen verstecken sich unter anderem seltene Ausgaben der Werke von William Shakespeare und Franz Kafka. Das teuerste Buch bei Strand ist eine Erstausgabe von James Joyces Ulysses mit Illustrationen von Henri Matisse. Es wurde 1935 veröffentlicht, ist sowohl vom Autor als auch vom Maler signiert und kostet satte 45.000 Dollar.


    Bis zum heutigen Tag wird Strand von der Familie Bass geführt – aktuell in der dritten Generation. Nancy Bass Wyden übernahm das Geschäft von ihrem Vater Fred, nachdem sie 30 Jahre lang an seiner Seite gearbeitet hatte. Schon als kleines Mädchen war die Buchhandlung ihre zweite Heimat und sie liebte es, ihren Vater hier zu besuchen, um das neueste Nancy-Drew-Buch zu lesen und hinter dem Tresen Bleistifte zu spitzen. Wir trafen Nancy an einem dieser unerträglich heißen Sommertage in Manhattan. Der Store ist voller Menschen, die nicht nur Strands „18 Meilen an Büchern“, sondern auch die angenehm klimatisierten Räume genießen.

    Wussten Sie schon immer, dass Sie das Geschäft übernehmen möchten?
    Ja, ich wusste schon sehr früh, dass dies ein ganz besonderer Ort ist.


    The Strand ist immer gut besucht – und das in einer Zeit, in der traditionelle Buchhandlungen ums Überleben kämpfen. Was ist Ihr Geheimnis?
    Es gibt uns nun seit 91 Jahren – das ist eine lange Zeit. Wir haben gute Preise und bieten auch gebrauchte Bücher an. Man weiß nie, was man bei uns findet. Wir organisieren viele Events, verkaufen T-Shirts und Einkaufstaschen, aber Bücher bleiben natürlich unser Hauptgeschäft, mit dem wir das meiste Geld verdienen.



    Sie bieten auch Platz für Events?

    Das Stichwort ist Gemeinschaft. Wir sind sehr kreativ und organisieren viele Vorträge und Veranstaltungen. Wir haben drei literarische Speed-Dating-Abende: einen nur für Männer, einen nur für Frauen und einen für Frauen und Männer. Diese Abende machen immer viel Spaß und sind sehr beliebt. Man diskutiert fünf Minuten lang eine Frage und dann wird getauscht. So lernt man viele neue Leute kennen. Die Fragen sind immer lustig, zum Beispiel: „Welches Buch hast du als Kind gehasst?“. Es haben sogar schon Paare geheiratet, die sich hier kennengelernt haben.


    Jede Woche hängt eine literarische Frage im Schaufenster. Heute ist es „Wer ist dein literarischer Schwarm?“. Was würden Sie darauf antworten?
    Im Moment würde ich sagen Roxane Gay, die Autorin von Bad Feminist.


    Welches Buch sollte jeder gelesen haben?
    Nabokovs Lolita ist ein Muss. Es ist so gut geschrieben. Mark Twain ist einfach zeitlos und lustig. Und Stephen King hat eines der besten Bücher über das Schreiben verfasst – Das Leben und das Schreiben.

    Text: Sofie Zettergren
    Foto: Paul Brissman

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